Was ist die KI-Verordnung?
Die KI-Verordnung beantwortet für die ganze EU die Frage: Was darf Künstliche Intelligenz — und wer ist verantwortlich, wenn sie Schaden anrichtet?
Offiziell heißt sie Verordnung (EU) 2024/1689, international meist AI Act. Sie stammt vom 13. Juni 2024 und gilt wie die DSGVO unmittelbar in allen Mitgliedstaaten. Seit dem 27. Juli 2026 gilt sie in der Fassung des sogenannten Digital Omnibus (Verordnung 2026/1744), der einige Fristen verschoben hat.
Für dich zählt eine Rolle: Wer KI beruflich in eigener Verantwortung nutzt, ist laut Gesetz Betreiber. Das ist jede Agentur und jedes Unternehmen, das ChatGPT, Claude, einen Bildgenerator oder einen Chatbot einsetzt. Nur rein private Nutzung ist ausgenommen.
Die vier Risikostufen
Die Verordnung sortiert KI nach Risiko. Je höher das Risiko, desto strenger die Regeln:
Stufe
Beispiele
Verboten
Manipulation, Social Scoring, Nudify-Apps
Hochrisiko
Bewerberauswahl, Kreditprüfung
Transparenz
Chatbots, KI-Bilder, Deepfakes
Minimal
Spamfilter, Textvorschläge
Dazu kommen eigene Regeln für die großen KI-Modelle mit allgemeinem Verwendungszweck wie GPT, Claude oder Gemini. Die treffen die Anbieter dieser Modelle, nicht dich.
Typisches Marketing — Texte schreiben, Bilder erzeugen, Kampagnen auswerten — fällt in die unteren beiden Stufen. Hochrisiko wird es erst, wenn KI über Menschen entscheidet, etwa in der Personalauswahl.
Was musst du als Marketer tun?
KI-Kompetenz (seit Februar 2025)
Art. 4 verlangt, dass Betreiber Maßnahmen ergreifen, um die KI-Kompetenz ihres Personals zu fördern. Ein bestimmtes Niveau oder ein Zertifikat schreibt das Gesetz nicht vor. Die EU-Kommission nennt in ihren Fragen und Antworten ein passendes Beispiel: Wer mit ChatGPT Werbetexte schreibt, sollte über Risiken wie Halluzinationen Bescheid wissen.
Kennzeichnung (seit August 2026)
- Chatbots: Dein Website-Chat muss sagen, dass hier eine KI antwortet — außer das ist ohnehin offensichtlich.
- Deepfakes: Ein KI-Bild, -Video oder -Ton, das echten Menschen, Orten oder Ereignissen ähnelt und echt wirken würde, musst du als künstlich offenlegen. Bei Kunst, Satire und Fiktion reicht ein dezenter Hinweis.
- KI-Texte zu öffentlichen Themen: Kennzeichnungspflichtig, wenn sie die Öffentlichkeit über Angelegenheiten von öffentlichem Interesse informieren — außer ein Mensch hat sie geprüft und trägt die redaktionelle Verantwortung.
Der Hinweis muss spätestens beim ersten Kontakt kommen, klar und eindeutig. Die unsichtbare, maschinenlesbare Markierung von KI-Inhalten ist dagegen Sache der Tool-Anbieter. Für Tools, die schon vor August 2026 auf dem Markt waren, haben die Anbieter dafür bis zum 2. Dezember 2026 Zeit.
Welche Fristen gelten?
Ab
Was gilt
2. Feb. 2025
Verbote, KI-Kompetenz
2. Aug. 2025
Regeln für große KI-Modelle, Sanktionen
2. Aug. 2026
Kennzeichnungspflichten, Rest der Verordnung
2. Dez. 2026
Verbot von Nudify-Apps, Markierung für ältere Tools
2. Dez. 2027
Hochrisiko-Systeme wie Bewerberauswahl
2. Aug. 2028
KI in regulierten Produkten
Stand ist die Fassung des Digital Omnibus. Viele Texte im Netz nennen noch die alten Termine — Hochrisiko ab August 2026. Die sind überholt.
Häufige Irrtümer
Irrtum 1 · „Gilt nur für KI-Entwickler“
Wer KI beruflich nutzt, ist Betreiber und hat eigene Pflichten — KI-Kompetenz und Kennzeichnung. Die Pflichten sind kleiner als die der Anbieter, aber es gibt sie.
Irrtum 2 · „Alles mit KI muss gekennzeichnet werden“
Nein. Pflicht ist der Hinweis bei Chatbots, bei Deepfakes und bei ungeprüften KI-Texten zu öffentlichen Themen. Ein KI-generiertes Hintergrundbild mit Bergpanorama ohne Bezug zu echten Personen oder Ereignissen fällt nicht automatisch darunter.
Irrtum 3 · „Ich brauche ein KI-Zertifikat“
Laut EU-Kommission braucht es kein Zertifikat. Es braucht Maßnahmen, die zu deinem Einsatz passen — und es ist klug, sie aufzuschreiben.
Irrtum 4 · „Der Omnibus hat alles verschoben“
Verschoben wurden vor allem die Hochrisiko-Regeln. Verbote, KI-Kompetenz und die Kennzeichnung durch Betreiber gelten.
Was du jetzt tun solltest
- Tools auflisten: Welche KI nutzt dein Team wofür? Eine Tabelle reicht.
- Team schulen: Eine kurze Einweisung zu Halluzinationen, Datenschutz und Kennzeichnung — und notieren, wann sie war.
- Chatbot prüfen: Sagt er gleich zu Beginn, dass er eine KI ist?
- Bild-Regel festlegen: Realistische KI-Bilder von Menschen, Orten oder Ereignissen bekommen einen sichtbaren Hinweis. Die EU hat dafür im Verhaltenskodex vom Juni 2026 eigene Symbole vorgestellt.
Häufige Fragen
Muss ich KI-generierte Bilder in der Werbung kennzeichnen?
Wenn das Bild echten Menschen, Orten oder Ereignissen ähnelt und als echt durchgehen würde, ja — dann ist es ein Deepfake im Sinne der Verordnung. Bei erkennbar künstlerischen oder fiktionalen Bildern reicht ein dezenter Hinweis. Die unsichtbare Markierung erledigt der Tool-Anbieter.
Muss mein Website-Chatbot sagen, dass er eine KI ist?
Ja, seit dem 2. August 2026 — außer es ist für eine verständige Person ohnehin offensichtlich. Am sichersten ist ein klarer Satz gleich in der ersten Nachricht.
Brauchen meine Mitarbeitenden eine KI-Schulung?
Die Verordnung verlangt Maßnahmen zur KI-Kompetenz, aber keine bestimmte Schulung und kein Zertifikat. Für ein kleines Team kann eine dokumentierte Einweisung in die genutzten Tools und ihre Risiken reichen.
Wer kontrolliert die KI-Verordnung in Deutschland?
Die Bundesnetzagentur, für Finanzdienstleistungen die BaFin. Das regelt das KI-Marktüberwachungsgesetz, das seit dem 29. Juli 2026 in Kraft ist. Bei der Bundesnetzagentur gibt es dafür ein eigenes Kompetenzzentrum.
Wie viele Unternehmen sind betroffen?
Immer mehr. In einer Bitkom-Umfrage von 2026 unter 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten setzen 57 % KI ein. 37 % gehen davon aus, als Anwender vom AI Act betroffen zu sein — weitere 34 % prüfen das noch.