Was ist Agent Washing?
Du kennst Greenwashing: Ein Produkt wird grüner dargestellt, als es ist. Agent Washing funktioniert genauso, nur mit KI-Agenten. Ein Anbieter nimmt ein bestehendes Produkt, klebt das Etikett „KI-Agent“ drauf und verkauft es als Neuheit.
Das Analystenhaus Gartner beschreibt es im Juni 2025 als Umetikettieren bestehender Produkte ohne nennenswerte agentische Fähigkeiten. Als typische Beispiele nennt Gartner KI-Assistenten, Software zur Prozessautomatisierung (RPA) und Chatbots.
Der Unterschied ist nicht nur Wortklauberei. Ein Chatbot antwortet. Ein echter KI-Agent plant selbst Schritte und setzt sie mit Werkzeugen um: Er recherchiert, schreibt ins CRM, verschickt eine Mail. Wer einen Agenten kauft und einen Chatbot bekommt, zahlt für etwas, das er nicht hat.
Wie verbreitet ist Agent Washing?
Gartner schätzt, dass nur rund 130 der Tausenden Anbieter agentischer KI echt sind. Eine Methodik dazu hat Gartner nicht veröffentlicht, es ist also eine Schätzung. In derselben Mitteilung steht eine Prognose: Über 40 % der Projekte mit agentischer KI werden bis Ende 2027 eingestellt, wegen steigender Kosten, unklarem Nutzen oder fehlender Risikokontrolle.
Gartner-Analystin Anushree Verma rät deshalb zu einer klaren Arbeitsteilung: Agenten für Entscheidungen, Automatisierung für Routine, Assistenten für einfache Abfragen. Viele angebliche Agenten-Fälle brauchen gar keinen Agenten.
Beispiele aus der Praxis
In den USA geht die Börsenaufsicht SEC seit 2024 gegen falsche KI-Versprechen vor. Zwei Fälle zeigen, wie das aussieht.
Fall A · Delphia und Global Predictions
Die ersten AI-Washing-Verfahren
400.000 $
Strafe zusammen
2024
Vergleich mit der SEC
Zwei Anlageberater warben mit KI, die sie laut SEC nicht hatten.
Delphia zahlte 225.000 $, Global Predictions 175.000 $. Beide verglichen sich, ohne die Vorwürfe anzuerkennen oder zu bestreiten. SEC-Chef Gensler: AI Washing schadet Anlegern.
Fall B · Presto Automation
Die Drive-in-KI mit Menschen dahinter
2025
Anordnung der SEC
„vast majority“
Bestellungen mit menschlichem Eingriff
Versprochen war Automatisierung, im Hintergrund arbeiteten oft Menschen.
Presto behauptete, die Bestellannahme sei ohne Menschen möglich. Laut SEC brauchte der Großteil der Bestellungen menschliches Eingreifen. Erstes AI-Washing-Verfahren gegen ein börsennotiertes Unternehmen, ohne Geldstrafe.
Häufige Fehler
Fehler 1 · Chatbot und Agent gleichsetzen
Antwortet das Tool nur auf deine Fragen, ist es ein Chatbot oder Assistent. Ein Agent zerlegt ein Ziel selbst in Schritte und ruft Werkzeuge auf. Frag konkret: Was erledigt das Tool, ohne dass ich jeden Schritt anstoße?
Fehler 2 · Einen festen Ablauf für einen Agenten halten
Anthropic unterscheidet sauber: Workflows folgen vorab festgelegten Pfaden im Code, Agenten steuern ihre Schritte und Werkzeuge selbst. Beides ist nützlich, aber nicht dasselbe. Die Prüffrage: Wer entscheidet den nächsten Schritt — der Code oder das Modell?
Fehler 3 · Für alles einen Agenten wollen
Eine einfache Automatisierung in n8n oder Zapier ist oft billiger, schneller und verlässlicher als ein Agent. Wer Agent Washing kritisiert, sollte nicht selbst jedem Problem einen Agenten verordnen.
Fehler 4 · Selbst zu dick auftragen
Auch dein eigenes Angebot kann betroffen sein. Wer mit „KI-gestützt“ oder „autonomer Agent“ wirbt, muss das halten können. In Deutschland verbietet das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb in § 5 irreführende Angaben über wesentliche Merkmale einer Leistung. Ein Urteil speziell zu KI-Werbung gibt es laut Fachpresse bislang nicht.
So erkennst du echte KI-Agenten
- Demo mit deinen Daten: nicht die Hochglanz-Vorführung, sondern dein echter Fall.
- Schritte zeigen lassen: Gibt es ein Protokoll, was der Agent wann warum getan hat?
- Werkzeuge nennen lassen: Welche Systeme kann er selbst bedienen — CRM, Mail, Kalender?
- Modell erfragen: Welches Sprachmodell steckt dahinter, eigenes oder fremdes?
- Nacharbeit klären: Wie oft muss ein Mensch eingreifen, und was passiert bei Fehlern?
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Agent Washing und AI Washing?
AI Washing ist der Oberbegriff für falsche oder übertriebene KI-Behauptungen. Agent Washing ist die Variante, bei der Produkte als KI-Agenten verkauft werden, obwohl sie keine echten agentischen Fähigkeiten haben.
Woran erkenne ich, ob ein Tool wirklich ein KI-Agent ist?
Ein echter Agent zerlegt ein Ziel selbst in Schritte und ruft Werkzeuge wie CRM oder Mail eigenständig auf. Lass dir eine Demo mit deinen Daten und ein Protokoll der Schritte zeigen.
Ist jeder Chatbot ein KI-Agent?
Nein. Ein Chatbot antwortet auf Fragen. Ein Agent handelt: Er plant Schritte und führt sie mit Werkzeugen aus. Viele Anbieter verwischen diese Grenze in der Werbung.
Wie verbreitet ist Agent Washing?
Gartner schätzte 2025, dass nur rund 130 der Tausenden Anbieter agentischer KI echt sind. Das ist eine Schätzung ohne veröffentlichte Methodik, zeigt aber die Größenordnung.
Ist Agent Washing in Deutschland verboten?
Ein eigenes Verbot gibt es nicht. Irreführende Angaben über wesentliche Merkmale einer Leistung sind aber nach § 5 UWG unlauter. Ein Urteil speziell zu KI-Werbung ist bislang nicht bekannt.