Was ist AI Washing?
Stell dir vor, du kaufst ein Tool, weil es „mit KI“ deine Kampagnen optimiert. Nach drei Wochen merkst du: Da laufen ein paar feste Wenn-dann-Regeln. Das ist AI Washing — mit künstlicher Intelligenz werben, die gar nicht drin ist oder viel weniger kann als versprochen.
Der Name kommt vom Greenwashing, bei dem sich Firmen umweltfreundlicher darstellen, als sie sind. Das Muster ist dasselbe: Eine Eigenschaft wird aufgeblasen, weil sie verkauft. Bei KI ist der Anreiz gerade riesig — Kunden fragen danach, Investoren auch.
Typische Formen:
- Umetikettieren: feste Regeln, Makros oder klassische Statistik heißen plötzlich „KI“.
- Verschwiegene Handarbeit: „vollautomatisch“, obwohl im Hintergrund Menschen die Arbeit machen.
- Fremde Technik als eigene: ein angeschlossenes Sprachmodell eines Drittanbieters wird als „unsere eigene KI“ verkauft.
- Übertriebene Leistung: Zusagen wie „ersetzt dein Marketing-Team“ ohne jeden Beleg.
Ist AI Washing verboten?
Ein eigenes Gesetz gegen AI Washing gibt es nicht. Das braucht es aber auch nicht: In Deutschland verbietet § 5 UWG irreführende Angaben über wesentliche Merkmale einer Ware oder Leistung. Wer „KI-gestützt“ draufschreibt, macht genau so eine Angabe. Mitbewerber und Verbände können dagegen abmahnen.
Ein deutsches Urteil speziell zu KI-Werbung ist bisher nicht bekannt. Die Rechtslage ist also nicht durchentschieden — aber der Maßstab ist klar: Was ein durchschnittlicher, aufmerksamer Kunde unter deiner Aussage versteht, muss stimmen.
Dazu kommt die KI-Verordnung der EU. Ab dem 2. August 2026 müssen Menschen nach Art. 50 erfahren, wenn sie mit einem KI-System sprechen, etwa mit einem Chatbot. Das ist die Kehrseite: Nicht nur zu viel KI behaupten ist ein Problem, auch echte KI zu verschweigen.
Beispiele aus der Praxis
Die bekanntesten Fälle kommen aus den USA. Dort haben die Börsenaufsicht SEC und die Verbraucherschutzbehörde FTC als Erste durchgegriffen.
Case A · Börsenaufsicht SEC, März 2024
Zwei Finanzberater mit erfundener KI
225.000 $
Strafe Delphia
175.000 $
Strafe Global Predictions
Zusammen 400.000 $ — die ersten Verfahren mit dem Etikett „AI Washing“
Delphia behauptete jahrelang, Kundendaten per KI in Anlageentscheidungen einzubeziehen. Global Predictions nannte sich „ersten regulierten KI-Finanzberater“. Beide verglichen sich, ohne die Vorwürfe anzuerkennen.
Case B · Verbraucherschutz FTC, September 2024
„Operation AI Comply“
5
Verfahren auf einen Schlag
193.000 $
Zahlung DoNotPay
Die FTC stellt klar: Für KI gibt es keine Ausnahme vom geltenden Recht
DoNotPay warb mit dem „ersten Roboter-Anwalt der Welt“, hatte die Qualität laut FTC aber nie geprüft. Andere Anbieter versprachen Einnahmen mit „KI-Onlineshops“ und kassierten Millionen von Kunden.
Auch in Europa gibt es Verdachtsfälle. Über das Londoner Start-up Builder.ai berichtete die Presse, hinter der beworbenen KI-Programmierhilfe hätten viele Entwickler in Indien gesessen. Die Firma bestritt das und ging später insolvent. Ein Gericht hat das nicht festgestellt — aber der Imageschaden war da.
Häufige Fehler
Fehler 1 · „Ist doch nur Werbesprech“
Nein. Werbeaussagen über Produkteigenschaften sind rechtlich prüfbar — in den USA mit Strafen, in Deutschland mit Abmahnung und Unterlassung. „KI“ ist keine Stimmung, sondern eine Behauptung.
Fehler 2 · Menschen im Hintergrund verschweigen
Ein Mensch, der KI-Ergebnisse prüft, ist völlig in Ordnung — oft sogar klug. Problematisch wird es erst, wenn du „vollautomatisch“ schreibst und Menschen die eigentliche Arbeit erledigen.
Fehler 3 · Fremdes Modell als eigene Technik verkaufen
Ein Tool, das auf einem Sprachmodell von OpenAI, Anthropic oder Google aufsetzt, ist legitim. Schreib dann aber nicht „unsere selbst entwickelte KI“. Ehrlich ist: „nutzt das Sprachmodell X für Y“.
Fehler 4 · Aus Angst gar nichts mehr sagen
Die Gegenreaktion ist auch falsch. Setzt du einen Chatbot ein, musst du das künftig sagen. Die Lösung ist nicht Schweigen, sondern Genauigkeit.
So vermeidest du AI Washing in deinem Marketing
Bevor „KI“ auf deine Website, ins Angebot oder in die Anzeige kommt, beantworte diese Fragen:
- Was genau macht die KI? Ein Satz, ohne Schlagwort: „schreibt Entwürfe für Produkttexte“.
- Wessen Technik ist es? Eigenes Modell oder ein angeschlossener Dienst?
- Wie viel ist automatisch? Prüft oder ergänzt ein Mensch das Ergebnis?
- Kannst du jede Zahl belegen? „98 % genau“ oder „spart 10 Stunden pro Woche“ brauchen einen Nachweis.
- Würde ein Kunde dasselbe verstehen wie du? Wenn nicht, formulier es um.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen AI Washing und Agent Washing?
AI Washing ist der Oberbegriff: KI wird behauptet, wo kaum KI drin ist. Agent Washing ist ein Sonderfall, bei dem ein Chatbot oder eine feste Automatisierung als KI-Agent verkauft wird. Ein Produkt kann also echte KI haben und trotzdem Agent Washing betreiben.
Darf ich mein Tool „KI-gestützt“ nennen, wenn es auf ChatGPT aufsetzt?
Ja, wenn die KI wirklich einen wesentlichen Teil der Arbeit macht. Problematisch wird es, wenn du ein fremdes Modell als eigene Entwicklung ausgibst oder mehr Leistung versprichst, als das Tool liefert.
Welche Strafen gab es bisher für AI Washing?
Die US-Börsenaufsicht SEC verhängte im März 2024 zusammen 400.000 Dollar gegen zwei Finanzberater. Die FTC ging im September 2024 in fünf Fällen gegen irreführende KI-Versprechen vor, DoNotPay zahlte 193.000 Dollar. In Deutschland ist bisher kein Urteil bekannt.
Kann ich wegen AI Washing abgemahnt werden?
Grundsätzlich ja. Irreführende Angaben über wesentliche Merkmale einer Leistung sind nach § 5 UWG unlauter, Mitbewerber und Verbände können abmahnen. Belege deine KI-Aussagen deshalb so, als müsstest du sie vor Gericht erklären.
Wie erkenne ich AI Washing bei Anbietern?
An vagen Schlagworten ohne Erklärung, an Zahlen ohne Quelle und daran, dass keine Demo mit deinen Daten möglich ist. Frag konkret: Welches Modell, was macht es genau, und was passiert noch von Hand?