Was ist die Scrolltiefe?
Die Scrolltiefe beantwortet eine schlichte Frage: Bis wohin kommen deine Besucher auf einer Seite? Gemessen wird der tiefste Punkt, den jemand erreicht — meist in Prozent der Seitenhöhe, seltener in Pixeln.
Ausgewertet wird sie auf zwei Arten:
- Als Schwellenquote: Wie viel Prozent der Aufrufe erreichen 25, 50, 75 oder 90 % der Seite?
- Als Verlauf: Heatmap-Tools zeigen, an welcher Stelle wie viele Besucher aussteigen — eine Art Treppe nach unten.
Wie wird sie berechnet?
Schwellenquote
Scrolltiefe (X %) = Aufrufe, die X % erreichen ÷ alle Aufrufe der Seite × 100
Beispiel: 1.000 Aufrufe, 380 davon erreichen 75 % → Quote = 38 %
Statt Aufrufen kannst du auch Nutzer oder Sitzungen nehmen. Wichtig ist nur, dass Zähler und Nenner dieselbe Einheit haben — und dass du immer dieselbe nimmst.
So misst Google Analytics 4
Hier liegt die häufigste Überraschung. Die automatische Messung in Google Analytics 4 (Enhanced Measurement) kennt nur eine einzige Schwelle: Das Ereignis „scroll“ feuert, wenn ein Besucher zum ersten Mal 90 % der Seite sieht. Es gibt also nur „ganz unten angekommen“ oder „nicht“.
Willst du 25, 50 und 75 % sehen, brauchst du den Google Tag Manager. Dessen Auslöser „Scrolltiefe“ misst in Prozent oder Pixeln und feuert je Schwelle einmal pro Seitenaufruf. Den Wert schickst du als Ereignis an GA4 und legst dort eine benutzerdefinierte Dimension dafür an — sonst siehst du ihn in den Berichten nicht.
So zeigen es Heatmap-Tools
Bequemer geht es mit Heatmap-Tools. Microsoft Clarity zeigt in seiner Scroll-Map in 5-%-Schritten, wie viele Besucher jede Tiefe erreichen und wie viele dort aussteigen, getrennt nach PC, Tablet und Handy. Hotjar und Contentsquare bieten Ähnliches. Dort siehst du auch den „Average Fold“: die Linie, bis zu der man im Schnitt ohne Scrollen sieht.
Was ist eine gute Scrolltiefe?
Die ehrliche Antwort: Einen belastbaren Pauschalwert gibt es nicht. Werte wie „gut ab 60 %“ kursieren, eine saubere Quelle dafür haben wir nicht gefunden. Es hängt am Seitentyp: Eine kurze Kontaktseite hat fast immer hohe Werte, ein langer Ratgeber niedrige.
Ein paar Anhaltspunkte aus großen Datensätzen gibt es trotzdem:
Befund
Wert
Scrollrate im Schnitt (Contentsquare)
rund 50 %
Blickzeit im ersten Bildschirm (NN/g)
57 %
Blickzeit in den ersten zwei Bildschirmen
74 %
Die Scrollrate stammt aus dem Digital Benchmark Report 2024 von Contentsquare (über 43 Milliarden Sitzungen auf 3.590 Websites, Daten bis Ende 2023) und gilt für Desktop wie Handy gleichermaßen. Die Blickzeiten kommen aus einer Eyetracking-Studie der Nielsen Norman Group von 2018 mit 120 Teilnehmern. 2010 lag der Anteil im ersten Bildschirm noch bei 80 % — die Leute scrollen heute also deutlich mehr als früher.
Die Botschaft dahinter: Was oben steht, wird fast immer gesehen. Alles weiter unten müssen sich die Besucher erst erarbeiten. Vergleich Scrolltiefe deshalb nur zwischen ähnlich langen Seiten.
Beispiele aus der Praxis
Zwei ausgedachte, aber typische Fälle. Sie zeigen, was die Zahl dir sagt — und was nicht.
Case A · Ratgeber-Artikel
Langer Blogbeitrag mit Angebot am Ende
2.400
Aufrufe / Monat
432
erreichen 75 %
Quote bei 75 % = 432 / 2.400 × 100 = 18 %
Das Angebot ganz unten sieht nicht einmal jeder Fünfte. Ein Hinweis darauf gehört weiter nach oben.
Case B · Leistungsseite
Dienstleister, Kontaktformular in der Mitte
900
Aufrufe / Monat
585
erreichen 50 %
Quote bei 50 % = 585 / 900 × 100 = 65 %
Das Formular wird gesehen. Kommen trotzdem kaum Anfragen, liegt es am Formular selbst, nicht an seiner Lage.
Häufige Fehler
Fehler 1 · Die GA4-Zahl für die ganze Wahrheit halten
„Nur 20 % scrollen bei uns!“ — gemeint ist meist: Nur 20 % erreichen 90 %. Über die Mitte der Seite sagt die Standard-Messung gar nichts.
Fehler 2 · Kurze Seiten mit langen vergleichen
Schwellen, die beim Laden schon sichtbar sind, zählen sofort als erreicht — so dokumentiert es Google für den Tag Manager. Eine kurze Seite hat deshalb fast automatisch Top-Werte. Das ist keine Leistung, das ist Geometrie.
Fehler 3 · Scrollen mit Lesen verwechseln
Wer hektisch nach unten wischt, sucht oft etwas und findet es nicht. Schau deshalb zusätzlich auf die Zeit auf der Seite und auf Klicks. Clarity markiert hektisches Hin- und Herscrollen sogar als eigenes Signal.
Fehler 4 · Handy und Desktop mischen
Auf dem Handy ist dieselbe Seite viel länger. Werte über alle Geräte zusammen verwischen genau das, was du sehen willst. Trenn sie.
Was mache ich mit der Scrolltiefe?
- Wichtiges nach oben: Kernaussage, Angebot und Call to Action gehören dahin, wo die meisten noch sind.
- Ausstiegsstellen suchen: Fällt die Kurve an einer Stelle steil ab, steht dort meist ein Textblock, ein Bild ohne Sinn oder etwas, das wie das Seitenende aussieht.
- Seiten kürzen: Was unter der 75-%-Linie kaum jemand sieht, kann oft weg oder auf eine eigene Seite.
- Vorher und nachher messen: Nach jeder Änderung die Quote bei 50 und 75 % vergleichen — auf derselben Seite, mit demselben Gerät.
Häufige Fragen
Warum zeigt GA4 nur 90 % Scrolltiefe an?
Weil die automatische Messung nur ein Ereignis kennt: Es feuert, wenn ein Besucher zum ersten Mal 90 % der Seite sieht. Für weitere Schwellen brauchst du den Google Tag Manager oder ein Heatmap-Tool.
Wie messe ich 25, 50 und 75 % in GA4?
Im Google Tag Manager einen Auslöser vom Typ Scrolltiefe mit den Schwellen 25, 50, 75 und 90 anlegen und damit ein GA4-Ereignis senden. Die Schwelle als Parameter mitschicken und in GA4 als benutzerdefinierte Dimension registrieren, damit sie in Berichten erscheint.
Lesen Besucher noch unterhalb des ersten Bildschirms?
Ja. In der Eyetracking-Studie der Nielsen Norman Group von 2018 entfielen 43 % der Blickzeit auf Bereiche unterhalb des ersten Bildschirms. Die Aufmerksamkeit nimmt nach unten aber deutlich ab.
Zählt Scrollen in die Engagement Rate von GA4?
Nein. Eine Sitzung gilt in GA4 als engagiert, wenn sie länger als zehn Sekunden dauert, ein Schlüsselereignis enthält oder mindestens zwei Seitenaufrufe hat. Scrollen ist kein Kriterium.
Scroll-Map oder GA4-Ereignis — was brauche ich?
Für die Analyse einzelner Seiten reicht eine Scroll-Map, sie zeigt den ganzen Verlauf auf einen Blick. GA4-Ereignisse lohnen sich, wenn du Scrolltiefe mit Conversions verknüpfen oder über viele Seiten auswerten willst.