Was ist ein Screenreader?
Ein Screenreader (deutsch: Bildschirmleser) ist eine Software, die alles vorliest, was auf dem Bildschirm passiert. Alternativ gibt er den Text auf einer Braillezeile aus, einem Gerät mit fühlbaren Punkten in Blindenschrift.
Bedient wird ohne Maus: mit der Tastatur am Rechner, mit Wisch- und Tippgesten am Handy. Der Screenreader liest dabei nicht nur Text, sondern auch die Rolle jedes Elements vor: „Überschrift Ebene 2“, „Link“, „Schaltfläche“, „Eingabefeld E-Mail“.
Die gängigen Programme:
- JAWS von Freedom Scientific — Windows, kostenpflichtig.
- NVDA — Windows, kostenlos und quelloffen.
- Sprachausgabe (Narrator) — in Windows 11 eingebaut.
- VoiceOver — in Mac, iPhone und iPad eingebaut.
- TalkBack — der Screenreader von Google auf Android.
Wer nutzt Screenreader — und wie?
Die beste Datenquelle ist die Umfrage von WebAIM unter Screenreader-Nutzern. Die elfte Ausgabe lief im Juli und August 2026 mit 1.780 gültigen Antworten. Repräsentativ ist sie nicht, aber sie zeigt die Richtung.
Befund
Anteil
Haupt-Screenreader am Rechner: JAWS
55,0 %
Haupt-Screenreader am Rechner: NVDA
32,9 %
Nutzen auch am Handy einen Screenreader
91,8 %
Wichtigste Handy-Plattform: iPhone/iPad
73,3 %
Springen auf langen Seiten zuerst über Überschriften
67,8 %
83,2 % der Befragten sind blind. Der Rest ist sehbehindert oder nutzt den Screenreader aus anderen Gründen. Am wichtigsten für dich ist die letzte Zeile: Zwei Drittel lesen deine Seite nicht von oben nach unten. Sie springen von Überschrift zu Überschrift, bis sie finden, was sie suchen.
In Deutschland zählte die Schwerbehindertenstatistik Ende 2021 rund 559.000 Menschen, die blind, hochgradig sehbehindert oder sehbehindert sind. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband hält das für die Untergrenze, weil nur Menschen mit Schwerbehindertenausweis erfasst sind.
Häufige Fehler auf Websites
WebAIM prüft jedes Jahr automatisch die Startseiten von einer Million Websites. Im Februar 2026 hatten 95,9 % erkannte Fehler nach den Richtlinien der WCAG, im Schnitt 56 je Seite. Vier der häufigsten treffen Screenreader direkt.
Fehler 1 · Bilder ohne Alternativtext
Bei 53,1 % der Startseiten fehlte er. Der Screenreader liest dann den Dateinamen vor — „IMG underscore 4711 Punkt jpg“ — oder überspringt das Bild. Schreib in den Alt-Text, was das Bild für den Inhalt bedeutet.
Fehler 2 · Formularfelder ohne Beschriftung
51 % der Seiten hatten Felder ohne Label. Ein grauer Platzhalter im Feld reicht nicht. Der Nutzer hört nur „Eingabefeld“ und muss raten, ob Name oder E-Mail gemeint ist. Spätestens im Kontaktformular verlierst du ihn.
Fehler 3 · Leere Links und Buttons
Leere Links fanden sich auf 46,3 % der Seiten, leere Buttons auf 30,6 %. Typisch: ein Lupen-Symbol für die Suche, ein X zum Schließen, Social-Icons. Für den Screenreader ist das „Link“ oder „Schaltfläche“ — ohne Ziel.
Fehler 4 · Überschriften nur optisch
Groß und fett ist keine Überschrift. Nur echte H2- und H3-Elemente tauchen in der Überschriften-Liste des Screenreaders auf. Wer die Ebenen nach Optik wählt statt nach Gliederung, baut einen Irrgarten.
So testest du deine Website selbst
Du brauchst kein Budget. NVDA ist kostenlos, VoiceOver und die Windows-Sprachausgabe sind schon an Bord. Die Sprachausgabe startest du in Windows 11 mit Windows-Taste + Strg + Eingabe.
- Bildschirm aus, Ton an: Navigier nur per Tastatur durch deine Startseite. Kommst du zum Kontaktformular?
- Über Überschriften springen: In NVDA mit der Taste H. Ergibt die Abfolge eine sinnvolle Gliederung?
- Mit Tab durch Links und Buttons: Weißt du bei jedem, wohin er führt?
- Formular ausfüllen: Hörst du zu jedem Feld, was hinein soll? Und hörst du die Fehlermeldung?
- Automatisch vorprüfen: WAVE von WebAIM, Lighthouse in Chrome oder axe DevTools finden die groben Fehler in Minuten.
Seit dem 28. Juni 2025 gilt in Deutschland das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG). Es verlangt, dass Websites und Apps, über die Verbraucher Verträge abschließen, für Menschen mit Behinderungen auffindbar, zugänglich und nutzbar sind. Kleinstunternehmen, die Dienstleistungen anbieten, sind ausgenommen. Das ist eine Einordnung, keine Rechtsberatung — Details im Begriff Barrierefreiheit.
Häufige Fragen
Welcher Screenreader ist am weitesten verbreitet?
In der WebAIM-Umfrage 2026 nannten 55 % JAWS als Haupt-Screenreader am Rechner, 32,9 % NVDA. Am Handy dominiert VoiceOver auf dem iPhone, weil die meisten Befragten iOS nutzen.
Ist NVDA wirklich kostenlos?
Ja. NVDA ist ein freier, quelloffener Screenreader für Windows. Hinter dem Projekt steht die gemeinnützige Organisation NV Access, die sich über Spenden finanziert.
Was liest ein Screenreader bei Bildern vor?
Den Alternativtext aus dem alt-Attribut. Fehlt er, liest er je nach Programm den Dateinamen vor oder überspringt das Bild. Rein dekorative Bilder bekommen ein leeres alt-Attribut, dann werden sie bewusst übersprungen.
Muss meine Website screenreader-tauglich sein?
Wenn Verbraucher über deine Website Verträge abschließen, etwa in einem Shop, verlangt das BFSG seit Juni 2025 Barrierefreiheit. Kleinstunternehmen mit Dienstleistungen sind ausgenommen. Unabhängig vom Gesetz: Was für Screenreader klar gebaut ist, ist meist auch für alle anderen leichter zu bedienen.
Nutzen nur blinde Menschen Screenreader?
Nein. Auch sehbehinderte Menschen nutzen sie, oft zusammen mit einer Bildschirmlupe. Dazu kommen Entwickler und Redakteure, die ihre Seiten damit testen.