Was ist Akquieszenz?
Du stellst in deiner Kundenumfrage die Aussage „Unser Service ist schnell“. Ein Teil der Leute kreuzt „stimme zu“ an, nicht weil sie das finden, sondern weil Zustimmen einfacher ist als Widersprechen. Das ist Akquieszenz, auf Deutsch auch Zustimmungs- oder Ja-Sage-Tendenz.
Das Dorsch Lexikon der Psychologie beschreibt sie als Neigung, bei Fragen unabhängig vom Inhalt eher zustimmend zu antworten. Laut Saris, Krosnick und Shaeffer belegen mehr als hundert Studien das Phänomen.
Woher es kommt, erklärt die Forschung mit drei Ansätzen:
- Höflichkeit: Manche Menschen vermeiden Widerspruch, auch auf dem Fragebogen.
- Respekt vor dem Fragenden: Wer sich unterlegen fühlt, übernimmt die vermutete Meinung des Absenders.
- Bequemlichkeit: Zustimmen kostet weniger Nachdenken als Abwägen. Die Forschung nennt das Satisficing.
Dazu kommt Vertrauen: In einem Experiment von Steinmetz und Posten stimmten Teilnehmer häufiger zu, wenn sie sich vorstellten, ein Freund lese ihre Antworten, als bei einer fremden Person.
Wie stark ist der Effekt?
Messen lässt sich Akquieszenz mit einem geteilten Fragebogen: Die eine Hälfte bekommt eine Aussage, die andere Hälfte das Gegenteil. Ohne Verzerrung müsste die Zustimmung zur einen Aussage etwa der Ablehnung der anderen entsprechen.
Case A · Niederlande
Telefonumfrage Zaanstad
45,0 %
starke Zustimmung zur Aussage
33,2 %
starke Ablehnung des Gegenteils
Lücke: rund 12 Punkte
Gleiche Frage, gegensätzlich formuliert, unterschiedliches Ergebnis. Die Daten sind von 1998, das Muster ist zeitlos.
Case B · Zuverlässigkeit
Dieselbe Studie
0,88
Reliabilität mit eigenen Antwortstufen
0,46 / 0,36
Reliabilität im Zustimm-Format
Zustimm-Fragen: deutlich weniger verlässlich
Fragen mit eigenen Antwortstufen („sehr wichtig … sehr unwichtig“) maßen viel stabiler als „stimme zu / stimme nicht zu“.
Der Effekt ist aber nicht überall gleich stark. Im Swedish Citizen Panel 2022/23 mit 4.444 Teilnehmern stimmte nur 1 von 1.386 Befragten zwei widersprüchlichen Aussagen gleichzeitig voll zu. Die Autorin folgert, dass Akquieszenz in Schweden womöglich ein kleineres Problem ist. Laut Forschung neigen eher Menschen mit weniger formaler Bildung dazu, und der Effekt ist am Telefon stärker als beim Selbstausfüllen.
Abgrenzung zu ähnlichen Verzerrungen
Verzerrung
Was passiert
Akquieszenz
Zustimmen, egal was da steht.
Soziale Erwünschtheit
So antworten, wie es gut ankommt.
Tendenz zur Mitte
Immer die mittlere Stufe wählen.
Straightlining
In der ganzen Matrix dieselbe Spalte ankreuzen.
In Online-Panels steckt hinter auffällig viel Zustimmung manchmal auch Betrug. Pew Research fand 2020 in Opt-in-Panels 4 bis 7 % Fake-Befragte, die fast allem zustimmten. Das sieht aus wie Akquieszenz, hat aber eine andere Ursache.
Häufige Fehler
Fehler 1 · Alles im Zustimm-Format fragen
Eine Matrix mit „stimme voll zu … stimme gar nicht zu“ für alle Fragen spart Platz. Sie lädt aber zum Durchnicken ein. Frag lieber direkt: „Wie schnell war unser Service? Sehr schnell … sehr langsam.“
Fehler 2 · Verneinte Fragen als Gegenmittel
„Der Service war nicht langsam“ deckt Ja-Sager auf, verwirrt aber alle anderen. Saris und Kollegen fanden bei verneinten Fragen mehr Zufallsfehler. Wenn umgedreht, dann mit echten Gegenaussagen ohne „nicht“.
Fehler 3 · Befragung im eigenen Look
Kommt die Mitarbeiter- oder Kundenumfrage im Firmendesign vom Chef, steigt die Zustimmung. Steinmetz und Posten raten, Auftraggeber und Durchführung zu trennen und eine neutrale Umfrageseite zu nutzen.
Fehler 4 · Jede hohe Zustimmung für Akquieszenz halten
Manchmal sind deine Kunden wirklich zufrieden. Und manchmal sind es Bots. Prüf erst, wer geantwortet hat, bevor du Ergebnisse wegdiskutierst.
So vermeidest du die Ja-Sage-Tendenz
- Eigene Antwortstufen statt Zustimmung: „Wie zufrieden …? sehr zufrieden … sehr unzufrieden“.
- Zwei Aussagen zur Wahl: Pew Research empfiehlt, zwischen zwei Gegenpositionen wählen zu lassen.
- Beide Richtungen nennen: „Stimmst du zu oder nicht zu?“ statt nur „Stimmst du zu?“
- Gegensätzliche Paare einbauen: Wer beiden widersprüchlichen Aussagen zustimmt, fällt auf.
- Neutral durchführen: Externe Umfrageseite, ohne Logo des Chefs, mit Hinweis auf Anonymität.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Akquieszenz und sozialer Erwünschtheit?
Bei sozialer Erwünschtheit antworten Leute so, wie es gut ankommt. Bei Akquieszenz stimmen sie zu, egal in welche Richtung die Aussage geht. Das eine folgt dem Inhalt, das andere ignoriert ihn.
Sind Likert-Skalen deshalb schlecht?
Nicht grundsätzlich. Problematisch ist das Format „stimme zu / stimme nicht zu“. Likert-artige Skalen mit eigenen Antwortstufen je Frage, etwa von „sehr zufrieden“ bis „sehr unzufrieden“, sind weniger anfällig.
Wie erkenne ich Ja-Sager in meinen Daten?
Mit gegensätzlichen Aussagenpaaren: Wer beiden zustimmt, antwortet nicht nach Inhalt. Alternativ teilst du die Stichprobe und gibst einer Hälfte die Aussage, der anderen das Gegenteil.
Warum fallen interne Mitarbeiterbefragungen oft zu positiv aus?
Unter anderem wegen Akquieszenz und Vertrauen in den Absender: Wer weiß, dass der Chef mitliest, stimmt eher zu. Eine neutrale, externe Durchführung hilft.