Was ist der Status-quo-Bias?
Rund 23 % der Haushalte in Deutschland beziehen ihren Strom noch aus der Grundversorgung. Und das, obwohl sie laut Bundesnetzagentur mit einem Wechsel mehrere hundert Euro im Jahr sparen könnten. Faulheit? Zum Teil. Vor allem aber ein gut belegter Denkfehler: der Status-quo-Bias.
Gemeint ist die Neigung, beim aktuellen Zustand zu bleiben. Erstmals experimentell gezeigt haben das die Ökonomen William Samuelson und Richard Zeckhauser 1988: Dieselbe Option wird häufiger gewählt, wenn sie als der bisherige Zustand dargestellt wird, als wenn sie als Alternative erscheint. Auch dann, wenn die Optionen sachlich gleich sind.
Ein englisches Fachwort zur Einordnung: Bias heißt Verzerrung. Es geht um eine systematische Abweichung im Urteil, nicht um einen einmaligen Ausrutscher.
Warum wir am Gewohnten festhalten
- Verlustaversion: Der aktuelle Zustand ist der Bezugspunkt. Was du beim Wechsel aufgibst, wiegt schwerer als das, was du gewinnst. So erklären es Kahneman, Knetsch und Thaler 1991.
- Trägheit: Wechseln kostet Zeit und Nerven, Nichtstun kostet nichts, jedenfalls gefühlt.
- Unsicherheit: Das Bekannte ist berechenbar, das Neue nicht.
- Voreinstellung als Empfehlung: Was vorausgewählt ist, wirkt wie die Wahl, die der Anbieter für richtig hält.
Was die Forschung zeigt
Die bekanntesten Belege kommen aus Feldern, in denen es um viel geht:
Altersvorsorge · USA
Automatische Anmeldung zur Betriebsrente
86 %
Teilnahme mit Voreinstellung
61 %
ändern am Standard nichts
Vorher nahm nur etwa die Hälfte teil
Madrian und Shea, Arbeitspapier 2000: großes US-Unternehmen, Umstellung 1998. Auch der vorausgewählte, sehr vorsichtige Fonds wurde einfach übernommen.
Energie · Deutschland
Strom aus der Grundversorgung
23 %
Haushalte noch in der Grundversorgung
7,1 Mio.
Anbieterwechsel 2024
Trotz Sparpotenzial von mehreren hundert Euro im Jahr
Monitoringbericht von Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt, Juli 2025. Neben dem Bias spielen auch fehlendes Wissen und Aufwand mit.
Ist der Effekt solide? Eine vorregistrierte Wiederholung der Originalstudie von 2021 (Xiao und andere, rund 600 Teilnehmer in den USA) bestätigte ihn in drei von vier Szenarien, etwa bei Geldanlage und Jobwahl. Bei der Wahl einer Autofarbe zeigte er sich nicht. Heißt: gut belegt, aber nicht in jeder Situation.
Status-quo-Bias im Marketing und in der UX
Der Effekt arbeitet für und gegen dich, je nachdem, auf welcher Seite du stehst.
Wenn du der Status quo bist
Bestandskunden bleiben lieber, als neu zu suchen. Das ist ein Teil dessen, was Kundenbindung so wertvoll macht. Gute Voreinstellungen im Produkt, etwa ein sinnvoller Standardtarif, werden meist übernommen. Jakob Nielsen zeigte schon 2005, wie stark Position wirkt: Der erste Suchtreffer bekam 42 % der Klicks, und auch nach dem Tausch mit dem zweiten noch 34 %.
Wenn du den Status quo brechen willst
- Wechsel so leicht wie möglich machen: Kündigung beim Altanbieter übernehmen, Daten importieren.
- Den Verlust des Bleibens zeigen: Was kostet das alte Tool im Jahr wirklich? Ein Vergleichsrechner gegen den aktuellen Zustand wirkt stärker als eine Featureliste.
- Risiko nehmen: Testphase ohne Kündigungsaufwand, Geld-zurück-Zusage.
Wo die Grenze liegt
Eine Voreinstellung ist nicht neutral. Sie wird übernommen, egal ob sie gut oder schlecht für den Kunden ist. Wer das ausnutzt, landet schnell bei Dark Patterns, also Designs, die Menschen zu Entscheidungen gegen ihr eigenes Interesse drängen.
Die EU-Kommission prüfte im Januar 2023 genau das: Von 399 Onlineshops nutzten 148 mindestens ein manipulatives Muster. 23 versteckten Informationen, um Kunden in ein Abo zu bringen. In Deutschland sorgt zudem der Kündigungsbutton nach § 312k BGB dafür, dass der Weg aus einem Abo nicht künstlich schwer wird.
Häufige Fehler
Fehler 1 · Glauben, Voreinstellungen wirken immer
Bei klaren Vorlieben und geringer Unsicherheit ist der Effekt schwach, wie die Autofarbe in der Wiederholungsstudie zeigt. Teste deine Voreinstellung, statt auf das Lehrbuch zu wetten.
Fehler 2 · Mehr Optionen für besser halten
Samuelson und Zeckhauser fanden: Je mehr Optionen es gibt, desto stärker klammern sich Menschen an den Status quo. Weniger, klare Wahlmöglichkeiten helfen beim Wechsel.
Fehler 3 · Alles mit dem Bias erklären
Wenn Kunden nicht wechseln, kann es auch am Preis, am Vertrag oder an echten Wechselkosten liegen. Frag nach, bevor du auf Psychologie tippst.
Was du daraus machst
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Status-quo-Bias und Default-Effekt?
Der Default-Effekt beschreibt, dass Menschen eine Voreinstellung übernehmen. Er ist eine der stärksten Formen des Status-quo-Bias. Der Status-quo-Bias ist breiter und betrifft jede bestehende Wahl, auch den alten Anbieter oder den gewohnten Tarif.
Hat der Status-quo-Bias etwas mit Verlustaversion zu tun?
Ja. Verlustaversion ist eine der wichtigsten Erklärungen: Der aktuelle Zustand dient als Bezugspunkt, und die Nachteile eines Wechsels wiegen schwerer als seine Vorteile. Allein erklärt sie den Effekt aber nicht.
Darf ich Voreinstellungen im Shop nutzen?
Ja, solange sie dem Kunden nützen und transparent sind. Vorausgewählte Zusatzkosten oder versteckte Abo-Häkchen gelten als Dark Pattern und sind in der EU in vielen Fällen unzulässig.
Wie gewinne ich Kunden, die beim Wettbewerber festhängen?
Senk die Wechselhürde: Kündigung übernehmen, Daten importieren, Testphase ohne Risiko. Und zeig konkret, was das Bleiben kostet, statt nur aufzuzählen, was dein Angebot kann.
Quellen
- Bundesnetzagentur: Monitoringbericht 2025
- Xiao et al.: Replikation zum Status-quo-Bias (Meta-Psychology 2021)
- Kahneman, Knetsch, Thaler: Endowment Effect, Loss Aversion, and Status Quo Bias
- NBER: Madrian und Shea, The Power of Suggestion
- Nielsen Norman Group: The Power of Defaults
- EU-Kommission: Sweep zu Dark Patterns in Onlineshops