Was ist ein virtueller Influencer?
Kannst du einer Person vertrauen, die es gar nicht gibt? Genau diese Frage stellt ein virtueller Influencer. Das ist eine computergenerierte Figur mit eigenem Profil, eigener Persönlichkeit und bezahlten Werbedeals.
Eine offizielle Definition der Plattformen gibt es nicht. Meta kennt nur das Label „KI-Info“ und für Profile mit überwiegend KI-Inhalten „KI-Creator“. Klar ist aber: Die Figur denkt nicht selbst. Hinter ihr stehen eine Agentur, eine Marke oder ein Studio, die Texte, Bilder und Deals steuern.
Früher baute man solche Figuren aufwendig in 3D, also als CGI. Heute entstehen sie oft mit generativer KI. Das senkt die Kosten deutlich und macht das Thema auch für kleinere Marken interessant.
Begriff
Was er meint
Virtueller Influencer
Figur mit Profil und Werbedeals
Avatar
Nur die Darstellung, oft einer echten Person
Deepfake
Täuschend echter KI-Inhalt, Rechtsbegriff
Chatbot
Antwortet automatisch, braucht keine Figur
Bekannte Beispiele
Vier Fälle zeigen die ganze Bandbreite, vom Popstar bis zur Bruchlandung:
- Miquela (USA): Seit April 2016 auf Instagram, geschaffen vom Start-up Brud. 2018 stand sie auf der Time-Liste der einflussreichsten Personen im Internet. Ihr Calvin-Klein-Spot mit Bella Hadid brachte ihr 2019 auch heftige Kritik ein.
- Aitana López (Spanien): Die Agentur The Clueless aus Barcelona baute sie. Laut Gründer brachte sie Ende 2023 im Schnitt rund 3.000 € im Monat ein, bei damals rund 122.000 Followern.
- Noonoouri (Deutschland): Der Münchner Grafiker Joerg Zuber startete die Figur Ende 2017 aus eigener Tasche. Bis Anfang 2019 arbeitete sie mit Marc Jacobs, Dior und Versace.
- Emma (Deutschland): Die Deutsche Zentrale für Tourismus startete sie im Oktober 2024 als KI-Influencerin für das Reiseland. Klischee-Optik und schwache Chat-Antworten brachten Spott, die Chefin räumte Mängel ein.
Vertrauen ist das Kernproblem
Eine Figur hat keinen Tag, an dem sie zu spät kommt. Aber sie hat auch nie dein Produkt benutzt. Die meisten Studien bewerten virtuelle Influencer deshalb als weniger vertrauenswürdig als Menschen, fasst die FernUniversität Hagen den Stand zusammen.
Zwei Experimente von van Berlo und Breves (2025) mit jungen US-Instagram-Nutzerinnen zeigen das Dilemma: Wurde deutlich offengelegt, dass die Figur virtuell ist, galt sie als weniger glaubwürdig. Das drückte auch Markeneinstellung und Kaufabsicht.
Verstecken ist trotzdem keine Lösung. Im Ipsos AI Monitor 2026 wollen 75 % der Befragten in Deutschland, dass KI-Einsatz offengelegt wird. Bei KI-Inhalten in Markenwerbung ist das Land gespalten: 42 % fühlen sich wohl damit, 43 % unwohl. Die Zahlen gelten für KI-Werbung allgemein, nicht nur für Figuren.
Was du kennzeichnen musst
Eine Figur ist kein Freibrief. Zwei Regeln greifen nebeneinander:
- Werbung: Nach § 5a Abs. 4 UWG musst du den kommerziellen Zweck kenntlich machen. Gehört die Figur einer Marke, ist das praktisch immer Werbung.
- KI: Seit dem 2. August 2026 verlangt Art. 50 Abs. 4 KI-Verordnung, Deepfakes offenzulegen, und zwar spätestens beim ersten Kontakt.
Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) empfiehlt: Auch Personen, die keinem echten Menschen gleichen, aber echt sein könnten, sollten gekennzeichnet werden. Offensichtlich Fiktives wie Comicfiguren nicht. Der Hinweis „KI“ oder „AI“ reicht, solange er gleich sichtbar ist.
Verstöße gegen die Kennzeichnung können laut ZAW bis zu 15 Mio. € oder 3 % des Weltumsatzes kosten. Dazu kommen Abmahnungen. Die Pflicht trifft den Betreiber, also dich.
Häufige Fehler
Fehler 1 · „Ist ja nicht echt, also keine Werbung“
Falsch. Der Betreiber haftet und muss kennzeichnen, ganz gleich, wer im Bild steht.
Fehler 2 · Den Hinweis nur in die Bio schreiben
Die Plattform spielt einzelne Beiträge aus, nicht dein Profil. Der Hinweis gehört deshalb an den Beitrag selbst.
Fehler 3 · „Anzeige“ oder „KI“ wählen
Bei fotorealistischen Figuren brauchst du im Zweifel beides. Es sind zwei verschiedene Pflichten mit zwei verschiedenen Zielen.
Fehler 4 · Reichweite vor Substanz
Zahlen wie „dreifaches Engagement“ kursieren oft. Eine belastbare Feldstudie dazu haben wir nicht gefunden. Rechne nicht damit.
Lohnt sich das für dein Unternehmen?
Für die meisten kleinen Unternehmen: nein, jedenfalls nicht als Ersatz für echte Gesichter. Dein größter Vorteil ist, dass Menschen dich kennen. Das verschenkst du mit einer Kunstfigur. Interessant wird es in drei Fällen:
- Deine Marke lebt ohnehin von einer Figur oder einem Maskottchen.
- Du willst Kampagnen in vielen Sprachen ohne Dreh ausspielen.
- Das Thema selbst ist digital, etwa Mode, Gaming oder Technik.
Häufige Fragen
Was verdient ein virtueller Influencer?
Das schwankt stark und ist kaum belegt. Für Aitana López nannte die Agentur Ende 2023 im Schnitt rund 3.000 € im Monat, in einem Monat auch 10.000 €. Das ist eine Selbstauskunft. Die meisten Figuren verdienen deutlich weniger.
Wer haftet für einen virtuellen Influencer?
Der Betreiber, also die Marke oder Agentur dahinter. Die Figur ist kein Rechtssubjekt. Falsche Aussagen, Schleichwerbung und fehlende Kennzeichnung landen deshalb bei dir.
Wer ist die bekannteste virtuelle Influencerin aus Deutschland?
Noonoouri. Die Figur stammt aus München, arbeitete früh mit großen Modemarken und brachte 2023 mit Alle Farben auch Musik heraus.
Was kostet es, einen virtuellen Influencer aufzubauen?
Belastbare Zahlen gibt es kaum, selbst die Kosten von Emma sind nicht öffentlich. Rechne nicht nur Bilder ein: Texte, Betreuung, Community und rechtliche Prüfung kosten laufend Zeit. Die Figur schläft nie, ihr Team schon.
Muss ich auch alte Beiträge nachkennzeichnen?
Laut ZAW-Handreichung gilt die KI-Kennzeichnung für Werbung, die ab dem 2. August 2026 erzeugt wurde. Eine Pflicht zum Nachkennzeichnen sieht der Verband nicht. Die Pflicht zur Werbekennzeichnung nach UWG bleibt davon unberührt.