Was ist eine User Story?
„Wir brauchen eine neue Landingpage.“ Für wen? Wozu? Woran merken wir, dass sie fertig ist? Solche Briefings kennt jeder. Eine User Story stellt genau diese Fragen, in einem einzigen Satz.
Der Agile-Experte Mike Cohn beschreibt sie als kurze Beschreibung gewünschter Funktionalität aus Sicht der Person, die sie braucht. Wichtig ist sein Zusatz: Die Story ist der Anlass für ein Gespräch, keine fertige Spezifikation.
Die klassische Vorlage
Als [Rolle] möchte ich [Ziel], damit [Nutzen].
Beispiel: Als Inhaberin eines Handwerksbetriebs möchte ich sofort den Preis sehen, damit ich weiß, ob sich die Anfrage lohnt.
Drei Teile, drei Fragen: Wer will etwas? Was will die Person? Und vor allem: Warum? Das Warum ist der wichtigste Teil. Eine Utrechter Studie hält fest, dass es wesentlich für die Qualität ist.
Woher kommt der Begriff?
User Stories stammen aus der Softwareentwicklung. Kent Beck führte sie in den späten 1990ern im Rahmen von Extreme Programming ein, einer agilen Arbeitsweise. Statt langer Pflichtenhefte sollten Entwickler und Auftraggeber miteinander reden.
- 2001: Ron Jeffries beschreibt die drei C: Card, Conversation, Confirmation.
- 2001: Bei der Firma Connextra in London entsteht die Vorlage „Als … möchte ich … damit …“.
- 2003: Bill Wake fasst gute Stories im Merkwort INVEST zusammen.
- 2004: Mike Cohn veröffentlicht „User Stories Applied“, bis heute das Standardwerk.
Die drei C sind der Kern: Die Karte ist nur ein Platzhalter. Das Gespräch klärt, was gemeint ist. Die Bestätigung legt fest, woran man den Erfolg erkennt.
User Stories im Marketing
Agiles Marketing übernimmt das Prinzip. Der Gewinn ist schlicht: Du schreibst nicht auf, was du bauen willst, sondern was dein Kunde braucht. Die folgenden Beispiele sind von uns ausgedacht. Eine belegte Wirkung auf die Conversion Rate gibt es nicht, wohl aber bessere Briefings.
Aufgabe
User Story
Landingpage
Als Einkäufer möchte ich Lieferzeiten sehen, damit ich planen kann.
Newsletter
Als Abonnentin möchte ich Themen wählen, damit ich nur Relevantes bekomme.
Kampagne
Als Neukunde möchte ich Bewertungen lesen, damit ich dem Anbieter vertraue.
Akzeptanzkriterien machen sie prüfbar
Eine Story allein sagt nicht, wann du fertig bist. Dafür gibt es Akzeptanzkriterien: prüfbare Punkte, die zur Story gehören. Für das Handwerker-Beispiel oben:
- Der Preis ist ohne Scrollen sichtbar.
- Das Formular hat höchstens drei Felder.
- Die Anfrage wird in GA4 als Conversion erfasst.
Ist eine Story zu groß, heißt sie Epic. Teil sie nach Zielgruppe oder Kanal, bis sie in einen Sprint passt, also in einen festen Arbeitszeitraum.
User Story, Job Story, Buyer Persona
Begriff
Was er beschreibt
User Story
Was eine Rolle will und warum
Job Story
Was in einer Situation gebraucht wird
Buyer Persona
Wer jemand ist
Epic
Eine große Story, die geteilt wird
Die Job Story beginnt mit „Wenn …“ statt „Als …“ und stellt die Situation in den Mittelpunkt. Cohn sieht sie als Alternative, kein Ersatz. Bei klar verschiedenen Nutzergruppen passt die User Story besser. Die Persona ergänzt beide: Sie füllt die Rolle mit Leben.
Häufige Fehler
Fehler 1 · Leere Rolle, leerer Nutzen
„Als Nutzer möchte ich Berichte, damit ich Informationen sehe.“ Cohns Negativbeispiel sagt nichts aus. Wenn der Satz auf jedes Produkt passt, ist es keine Story.
Fehler 2 · Lösung statt Bedürfnis
„Als Kunde möchte ich einen roten Button.“ Das ist eine Designvorgabe. Der Kunde will etwas erreichen, das Wie bleibt offen. Das N in INVEST steht für verhandelbar.
Fehler 3 · Mehrere Wünsche in einem Satz
Von über 1.000 echten Stories hatten laut Lucassen und Kollegen (2017) 56 % leicht vermeidbare Mängel, oft mehrere Funktionen in einer Story. Ein Satz, ein Wunsch.
Fehler 4 · Karte statt Gespräch
Eine Story im Tool, die niemand bespricht, ist nur ein kurzes Lastenheft. Laut Jeffries ist die Karte ein Platzhalter für das Gespräch.
Häufige Fragen
Wie schreibt man eine gute User Story?
Nimm die Vorlage „Als [Rolle] möchte ich [Ziel], damit [Nutzen]“. Nenn eine konkrete Rolle, ein Ziel statt einer Lösung und einen echten Nutzen. Prüf sie mit INVEST: unabhängig, verhandelbar, wertvoll, schätzbar, klein, testbar.
Was ist der Unterschied zwischen User Story und Akzeptanzkriterien?
Die Story sagt, was gewünscht ist und warum. Die Akzeptanzkriterien sagen, woran du erkennst, dass es fertig ist. Sie gehören zur Story und ersetzen sie nicht.
Wer schreibt User Stories?
Jeder im Team kann das. In Scrum verantwortet der Product Owner das Backlog. Im kleinen Marketing-Team schreibt sie, wer den Kunden am besten kennt, und bespricht sie mit allen, die umsetzen.
Muss ich die Vorlage nutzen?
Nein. In der Utrechter Umfrage nutzten 59 % die klassische Vorlage und 15 % gar keine. Wichtiger als der Wortlaut ist, dass das Warum klar wird.
Bringen User Stories wirklich etwas?
In derselben Umfrage bestätigten 61 % eine bessere Produktivität und 68 % eine bessere Qualität. Das ist eine Selbsteinschätzung aus der Softwarebranche von 2016. Für Marketing gibt es keine Messwerte.
Quellen
- Mountain Goat Software: User Stories
- Martin Fowler: User Story
- Agile Alliance: User Stories
- Ron Jeffries: Card, Conversation, Confirmation
- Bill Wake: INVEST
- Scrum Guide 2020
- Lucassen u. a.: The Use and Effectiveness of User Stories (2016)
- Lucassen u. a.: Improving User Story Practice (2017)
- Mountain Goat Software: Job Stories