Was ist die One Metric That Matters?
Wenn du morgen nur eine einzige Zahl aus deinem Geschäft sehen dürftest — welche wäre es? Genau diese Frage steckt hinter der One Metric That Matters, kurz OMTM.
Das Konzept stammt aus dem Buch „Lean Analytics“ von Alistair Croll und Benjamin Yoskovitz (2013, zweite Auflage 2024). Die Kernidee: Zu jedem Zeitpunkt gibt es eine Kennzahl, die dich mehr interessieren sollte als alle anderen. Sie bündelt den Fokus des ganzen Teams.
Ein Beispiel aus dem Interview von Yoskovitz 2013: Bei SEOmoz (heute Moz) liefen viele Kennzahlen, entscheidend waren aber die Net Adds — neue zahlende Abonnenten pro Tag minus Kündigungen. Sank diese Zahl, schaute das Team in die anderen Kennzahlen, um den Grund zu finden.
Was eine gute OMTM ausmacht
Croll und Yoskovitz geben klare Kriterien vor. Eine gute Kennzahl ist:
- Eine Rate oder ein Verhältnis, keine Summe. „Gesamtnutzer“ steigt immer, „Anteil aktiver Nutzer“ kann auch fallen — und genau das willst du sehen.
- Vergleichbar mit Vorwoche, anderen Segmenten oder dem Wettbewerb. „2 % Conversion“ allein sagt wenig, „höher als letzte Woche“ sagt etwas.
- Einfach: Jeder im Team versteht sie ohne Erklärung.
- Verhaltensändernd: Bewegt sich die Zahl, weißt du, was du anders machen musst.
Welche Kennzahl deine OMTM ist, hängt laut den Autoren von drei Dingen ab: deinem Geschäftsmodell (Shop, SaaS, Medien, App …), deiner Phase und davon, für wen du die Zahl brauchst — intern, für Investoren oder für die Presse.
Die fünf Phasen aus „Lean Analytics“ heißen Empathy (verstehe ich das Problem?), Stickiness (bleiben die Leute?), Virality (empfehlen sie weiter?), Revenue (verdiene ich Geld?) und Scale (kann ich wachsen?). Mit jeder Phase wechselt die OMTM.
Phase
Mögliche OMTM
Empathy
Anteil Interviews mit echtem Problem
Stickiness
Aktive Nutzer in Woche 4
Virality
Einladungen je neuem Nutzer
Revenue
Deckungsbeitrag je Kunde
Scale
Kosten je Neukunde
Die Beispiele in der Tabelle sind unsere Ableitung aus den Kriterien, keine Vorgaben aus dem Buch. Sie zeigen, wie sich der Blick von Phase zu Phase verschiebt.
Beispiele aus der Praxis
Zwei Beispiele aus den Workshop-Folien der Autoren zeigen, wie konkret eine OMTM werden kann — und wie sie zur Hypothese passt, die gerade getestet wird.
Case A · Gastronomie
Restaurant Solare, Phase Revenue
< 30 %
Personalkosten vom Umsatz = gut
5 : 1
Gäste je Reservierung um 17 Uhr
OMTM = Personalkostenquote
Unter 24 % gilt als sehr gut, unter 20 % fehlt vermutlich Personal. Die 5:1 aus den Reservierungen dienen als Frühwarnung für die Schichtplanung.
Case B · Marktplatz
Airbnb, frühe Phase (2011)
2–3 ×
mehr Buchungen mit Profi-Fotos
20
Fotografen im Einsatz
Erst die Annahme testen, dann die Kennzahl festlegen
Bei den Autoren ein Beispiel für Hypothesentests in einer frühen Phase — nicht als „die OMTM von Airbnb“ zu verstehen.
OMTM und North Star Metric
Die beiden werden ständig verwechselt. Der Unterschied liegt in der Zeit:
- North Star Metric: eine Kennzahl für das ganze Unternehmen, langfristig, bildet den Kundennutzen ab. Sie wechselt nur, wenn sich das Geschäftsmodell ändert.
- OMTM: taktisch, für eine Phase oder ein Projekt. Mixpanel nennt als Spanne zwei bis sechs Monate.
Du brauchst beide: Die North Star Metric sagt, wohin die Reise geht. Die OMTM sagt, welches Stück der Strecke du gerade fährst. Ein OKR ist wieder etwas anderes — ein Ziel mit mehreren Schlüsselergebnissen pro Quartal, die OMTM ist genau eine Zahl.
Häufige Fehler
Fehler 1 · Eine Summe statt einer Rate wählen
„Gesamtzahl der Newsletter-Abonnenten“ fühlt sich gut an, steigt aber auch, wenn die Hälfte nie öffnet. Das ist eine Vanity Metric. Nimm die Öffnungsrate oder die Abonnenten, die im letzten Monat geklickt haben.
Fehler 2 · Die OMTM nie wechseln
Wer seit drei Jahren dieselbe OMTM hat, hat eigentlich eine North Star Metric — oder hat vergessen, nachzuschauen. Prüf jedes Quartal: Ist das Problem, für das du die Zahl gewählt hast, noch das größte?
Fehler 3 · Den Umsatz zur OMTM machen
Umsatz ist das Ergebnis von allem. Er sagt dir, dass etwas nicht läuft, aber nicht, was. Eine gute OMTM sitzt näher am Hebel, etwa die Wiederkaufrate oder der Anteil der Angebote, die angenommen werden.
Fehler 4 · Andere Zahlen abschalten
Fokus heißt nicht Blindheit. Ohne die Zahlen dahinter weißt du nicht, warum sich die OMTM bewegt.
So findest du deine OMTM
- Engpass benennen: Was hält dein Geschäft gerade am meisten auf? Zu wenige Anfragen, zu viele Kündigungen, zu niedrige Marge?
- Kennzahl dazu wählen: eine Rate, die genau diesen Engpass misst.
- Ziel und Zeitraum festlegen: zum Beispiel „Angebotsquote von 20 auf 30 % bis Ende März“.
- Sichtbar machen: ganz oben ins Dashboard, in jedes Wochen-Meeting.
- Wechseln: Ist das Ziel erreicht, such den nächsten Engpass.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen OMTM und North Star Metric?
Die North Star Metric gilt langfristig für das ganze Unternehmen und bildet den Kundennutzen ab. Die OMTM gilt für eine Phase oder ein Projekt und wechselt, sobald der Engpass gelöst ist.
Wie lange gilt eine OMTM?
Eine feste Dauer nennen Croll und Yoskovitz nicht. Mixpanel spricht von zwei bis sechs Monaten. Eine gute Faustregel: so lange, bis das Ziel erreicht ist oder ein anderer Engpass größer wird.
Heißt OMTM, dass ich nur noch eine Zahl messe?
Nein. Du misst weiter alles, was du brauchst. Die OMTM ist nur die Zahl, auf die sich alle konzentrieren und an der sich Entscheidungen messen lassen.
Ist der Umsatz eine gute OMTM?
Meist nicht. Umsatz ist ein Ergebnis, das sich nur indirekt steuern lässt. Besser ist eine Kennzahl, die näher am Hebel sitzt — etwa Wiederkaufrate, Angebotsquote oder Kündigungsrate.
Welche OMTM passt zu einem Onlineshop?
Das hängt vom Engpass ab. Kommen zu wenige Erstkäufer, ist es die Conversion Rate neuer Besucher. Kaufen Kunden nur einmal, ist es die Wiederkaufrate nach 90 Tagen.
Quellen