Was ist die SaaS Quick Ratio?
Dein MRR wächst. Schön. Aber wie viel davon ist echtes Wachstum, und wie viel ersetzt nur das, was dir gerade wegbricht? Genau das beantwortet die SaaS Quick Ratio.
Sie teilt alles, was im Zeitraum an monatlich wiederkehrendem Umsatz dazukam, durch alles, was wegfiel. Ergebnis ist ein Faktor und kein Prozentwert. Die 1 ist die Grenze: Darüber wächst dein MRR, darunter schrumpft er.
Den Begriff prägte der Investor Mamoon Hamid von Social+Capital 2015 auf der SaaStr-Konferenz. Den Namen hat er bewusst aus der Buchhaltung abgeleitet.
So berechnest du die Quick Ratio
Du brauchst vier Zahlen aus demselben Zeitraum, meist einem Monat.
Standard-Formel
Quick Ratio = (New MRR + Expansion MRR) ÷ (Churned MRR + Contraction MRR)
Beispiel: (6.000 € + 2.000 €) ÷ (1.500 € + 500 €) → Quick Ratio = 4,0
- New MRR: Umsatz von Neukunden.
- Expansion MRR: Upgrades, mehr Nutzerlizenzen und Zusatzkäufe von Bestandskunden.
- Churned MRR: Umsatz aus vollständigen Kündigungen.
- Contraction MRR: Umsatz, der durch Downgrades wegfällt, obwohl der Kunde bleibt.
Tools wie ChartMogul, Baremetrics oder Chargebee führen diese Bewegungen getrennt, in kleinen Firmen reicht eine Tabelle. Gibt es keine Verluste im Zeitraum, ist der Wert rechnerisch unendlich, und der Rechner zeigt nichts an. Das ist ein Luxusproblem, aber ein Zeichen, dass deine Basis noch klein ist.
Was ist eine gute Quick Ratio?
Die berühmte Antwort lautet 4. Sie stammt von Hamid selbst: Er zeigte auf der Bühne, dass sein Fonds in Firmen ab 4 investierte und darunter absagte. Unter 2 galt ihm als Warnsignal. Wichtig: Das war die Schwelle eines Risikokapitalgebers für junge Firmen, kein gemessener Branchenschnitt.
Wert
Bedeutung
unter 1
MRR schrumpft
genau 1
MRR bleibt gleich
unter 2
Warnsignal nach Hamid
ab 4
Investitionsschwelle nach Hamid
Einen belastbaren Marktmedian habe ich nicht gefunden. Die im Netz kursierenden Tabellen ließen sich nicht bis zur Primärquelle zurückverfolgen, deshalb stehen sie hier nicht. Stripe ordnet ein: Junge Firmen sollten höher liegen, bei reifen kann etwa 3 noch gesund sein.
Für ein kleines, eigenfinanziertes Abo-Geschäft ist die 4 ohnehin kein sinnvoller Maßstab. Mit wenig Churn und wenig Neugeschäft kannst du darunter liegen und trotzdem ein gesundes Geschäft haben.
Gleiches Wachstum, andere Qualität
ChartMogul zeigt mit einem konstruierten Beispiel, warum die Kennzahl mehr sagt als das reine Plus. Beide Firmen legen um 8.000 $ MRR zu.
Firma A · Solide
Wenig rein, wenig raus
10.000 $
MRR-Zugang
2.000 $
MRR-Verlust
Quick Ratio = 10.000 ÷ 2.000 = 5,0
Das Wachstum bleibt zum größten Teil im Geschäft.
Firma B · Löchrig
Viel rein, viel raus
16.000 $
MRR-Zugang
8.000 $
MRR-Verlust
Quick Ratio = 16.000 ÷ 8.000 = 2,0
Die Hälfte des Vertriebserfolgs stopft nur Löcher.
Häufige Fehler
Fehler 1 · Die 4 für ein Gütesiegel halten
Der Investor Tomasz Tunguz hat das 2015 durchgerechnet: Bei 15 % Monatswachstum erlaubt eine Quick Ratio von 4 rund 5 % Churn im Monat, also etwa 46 % Umsatzverlust im Jahr. Starkes Wachstum überdeckt also einen löchrigen Eimer. Schau die Churn Rate immer getrennt an.
Fehler 2 · Einzelne Monate überbewerten
Bei kleiner Basis verschiebt ein einziger Kunde den Wert massiv. Jahresverträge und Saison tun ihr Übriges. Stripe und ChartMogul raten deshalb zum Trend über mehrere Monate statt zum Einzelwert.
Fehler 3 · Bewegungen falsch einsortieren
Einmalumsätze gehören nicht in den MRR. Auch Contraction wird gern vergessen. Heikel ist die Reaktivierung zurückgekehrter Kunden: Hier gibt es keine Norm. Chargebee zählt sie laut Hilfetext zu Expansion, ChartMogul führt sie als eigene Bewegung. Entscheide dich einmal und bleib dabei.
Fehler 4 · Nur auf diese eine Zahl steuern
Die Quick Ratio sagt nicht, warum etwas passiert, und sie kennt keine Kosten. Eine hohe Quote kann teuer erkauft sein. Für den Bestand ist die Net Revenue Retention der bessere Blick, denn dort zählen keine Neukunden mit.
Was tun, wenn die Quick Ratio fällt?
Zerleg den Wert wieder in seine vier Teile. Dort siehst du, welcher Hahn klemmt:
- Churned MRR steigt: Kündigungsgründe abfragen, Onboarding prüfen, Kundenbindung vor Neugeschäft stellen.
- Contraction steigt: Preisstufen prüfen. Vielleicht passt das Paket nicht zum Bedarf.
- New MRR sinkt: Pipeline und Kanäle anschauen.
- Expansion fehlt: Upselling und Cross-Selling aufbauen, statt nur neue Kunden zu jagen.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zur Quick Ratio aus der Bilanz?
Die bilanzielle Quick Ratio misst Liquidität: flüssige Mittel und kurzfristige Forderungen gegen kurzfristige Schulden. Die SaaS Quick Ratio misst Wachstumsqualität im wiederkehrenden Umsatz. Sie teilen nur den Namen.
Was bedeutet ein Wert unter 1?
Du verlierst mehr MRR, als du gewinnst. Dein wiederkehrender Umsatz schrumpft. Dann gehört die Kundenbindung ganz nach oben auf die Liste.
Wie unterscheidet sie sich von der Net Revenue Retention?
Die Net Revenue Retention schaut nur auf Bestandskunden, meist über zwölf Monate, und wird in Prozent angegeben. Die Quick Ratio enthält Neukunden und ist ein Faktor. Eine hohe Quick Ratio ist deshalb auch bei schwachem Bestand möglich.
Für wen lohnt sich die Kennzahl?
Für alle Geschäfte mit wiederkehrendem Umsatz und klar messbarem MRR, also Software, Mitgliedschaften und Abos. Ohne Abos gibt es keinen MRR und damit keine Quick Ratio. Besonders interessant ist sie im Gespräch mit Investoren.
Gehört Reactivation MRR in die Formel?
Das ist nicht einheitlich geregelt. Rechnest du sie mit, gehört sie in den Zähler. Wichtig ist, dass du es jeden Monat gleich machst.